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Aufsätze über die bewusste Gestaltung der Zusammenarbeit
– vom gegenüber zum miteinander.

Die Gestaltungskraft vertraglicher Vereinbarungen

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Aus Verbindungen entstehen Verbindlichkeiten

Überall dort, wo sich Menschen im Sozialen aktiv begegnen, im Austausch von Leistungen, in einer Initiative, entstehen Verbindungen. Aus diesen Verbindungen gehen gleichzeitig Verbindlichkeiten hervor, also Rechtsverhältnisse. Wichtig ist, dass die Rechtsverhältnisse bewusst entstehen. Zwar hat jeder Mensch ein Rechtsempfinden, allein auf das Gefühl lässt sich aber keine gemeinschaftliche Initiative bauen. Wenn etwas gemeinsam entstehen soll, sind Verabredungen nötig, gleichberechtigte Ver-abredungen. Durch solche Abmachungen entstehen Wechselwirkungen im Sozialen: nämlich Rechte und Pflichten.

Wenn sich die Abmachungen auf eine Gemeinschaft von Menschen beziehen, dann entstehen Gesellschaftsverträge, wie ein Verein, eine Kollektivgesellschaft oder eine Genossenschaft.

Mit dem Recht gestalten

Als Erläuterung für die Notwendigkeit des Rechts wird oft auf das Strassenverkehrsrecht hingewesen. Ohne Verkehrsregeln würde unser Strassenverkehr überhaupt nicht funktionieren, wir müssten bei jeder Kreuzung anhalten, da man nicht wüsste, wie sich die Anderen verhalten. Das Recht ist aber viel mehr als eine Sammlung mehr oder weniger notwendiger Verhaltensregeln.
Der moderne Mensch, welcher sich im Verlaufe der Jahrhunderte emanzipierte, hat die Möglichkeit, Gemeinschaften zu bilden, nicht mehr auf Grund seiner Blutbande, auch nicht aus Interesse, sonder aus Einsicht. Mit Rechts-Vereinbarungen, kann man Beziehungen, Verhältnisse ganz bewusst gestalten. Im Recht lebt die schöpferische Bewusstseinskraft für die Gestaltung des sozialen Lebens. Die Vertragsgemeinschaften, die partnerschaftlich und solidarisch tätig werden, sind solche schöpferische Organe. Solche Rechtsformen sind in unseren Gesetzen nicht explizit geregelt. Sie sind höchstens mit der Rechtsform der Einfachen Gesellschaft vergleichbar, wo das solidarische Prinzip "einer für alle, alle für einen" zum Ausdruck kommt.

Auf Vereinbarungsebene kann man aber neue Zusammenarbeitsformen finden, die erst im Laufe der Zeit zu Allgemeingut werden. So hat sich im Grunde genommen das Recht auch entwickelt. Wir müssen uns also mit gleichgesinnten Menschen zusammenfinden, die bereit sind, sich mit uns zu verbinden und Initiativen ins Leben zu rufen und weiterzuführen. Es geht nicht um politische Initiativen, sondern um neue Formen der solidarischen Zusammenarbeit auf der individuellen Ebene des Rechts, welche Ideen und Fähigkeiten der Menschen im Wirtschaftsleben umsetzen und somit anderen Menschen zugute kommen. Dabei schaffen Vereinbarungen die nötige Kommunikationsbasis und die Verbindlichkeit.

Staat und Einzelinitiative

Auf der Gemeinschaftsebene des Rechtslebens haben wir den Staat. Dort ist auch das Gleichheitsprinzip wirksam, nur kommen die Entscheidungen im Staate nicht durch Vereinbarung zustande, sondern durch demokratische Mehrheitsbeschlüsse. Das Mehrheitsprinzip ist aber immer individualitätsfeindlich. Entscheidungskriterium ist nicht die Qualität, sondern die Quantität (d.h. die Mehrheit der Stimmenden). Oder anders gesagt, demokratischen Entscheide sind immer Kompromisse, der kleinste gemeinsame Nenner unter den Beteiligten. Es liegt auf der Hand, dass die Innovations-kraft der Demokratie nicht besonders ausgeprägt ist. An erster Stelle darf nicht die Kraft des Staates, sondern Initiativkraft des einzelnen Menschen stehen, der Staat hat nur einzuwirken, wo eine Regelung unumgänglich ist: Der Staat hat den Schwächeren zu schützen und den initiativen Menschen zu fördern. Man spricht vom Subsidiaritäts-prinzip.

Der Staat pendelt heute zwischen der Funktion als Vormund für den Bürger und als Handlanger von handfesten wirtschaftlichen Interessen von Minderheiten. Der Staat    hat die Aufgabe, die Bedingungen des Wirtschaftens festzulegen, nach Massgabe der Menschenwürde. Die Gesetze sollen also sicherstellen, dass der Mensch nicht unter seinem Niveau absinkt. Aber sie dürfen ihn nicht an der Entfaltung seines wahren sittlichen Wesens hindern. Das Recht hat also der Wirtschaft Grenzen zu setzten: eine vollständig deregulierte Wirtschaft führt zwangsläufig zu einer Schädigung des arbeitenden und verbrauchenden Menschen sowie der Naturgrundlagen. Zum Andern hat das Recht durch Schaffung geeigneter rechtlicher Grundlagen (neues Bodenrecht, neue Geldordnung, Gesellschaftsrecht für wirtschaftliche Unternehmen, usw.) sicherzustellen, dass das, was wirtschaftlich geschieht, nicht aus dem sozialen Fluss herausfällt, sondern stets dem Ganzen dienen kann.

Die Zusammenarbeit im Wirtschaftsleben

Mit der Marktwirtschaft entgleitet den Menschen das Soziale aus dem Bewusstsein. In einer modernen arbeitsteiligen Gesellschaft geht es aber darum, dass man nach den Bedürfnissen der anderen Menschen fragt. Das, was wir täglich mit unserer Arbeit tun, tun wir zu Gunsten anderen Menschen. In einer arbeitsteiligen Weltwirtschaft ist selbst der grösste Egoist praktisch gezwungen, seinen Vorteil über den Umweg der Erzeugung von Leistungen zu suchen, die möglichst genau den Bedürfnissen anderer Menschen entsprechen, da wirkt der Altruismus ganz automatisch und unbewusst.
Der Schritt zum bewussten Altruismus ist die Solidarität, bzw. die Brüderlichkeit. Es  geht aber gar nicht darum zu sagen, dass der Mensch kein Egoist sei. Wir haben die Möglichkeit den Egoismus zu überwinden. Dass wir Egoismus definieren können zeigt, dass wir darüber stehen können. Und im Übrigen ist der Mensch und die Menschheit lernfähig. Dies kann aufgezeigt werden an Hand der Entstehung und Entwicklung des Rechts bis zur Ausgestaltung der modernen Menschenrechte.

Altruismus kann und darf nicht staatlich aufgezwungen werden. Eine Änderung des sozialen Systems ändert den Menschen nicht. Viele Versuche in der Geschichte ge-scheitert (nicht nur die sozialistischen Diktaturen), darum: was zählt, ist die Einsicht.  Wie kann man das Bewusstsein für den Andern offen halten, wo doch alle Menschen in einer arbeitsteiligen Welt undurchschaubar verwoben sind? Eben, durch Zusammen-arbeit, indem Konsumenten, Händler und Produzenten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, also die Wirtschaftspartner zusammensitzen und nach den Bedürfnissen des anderen fragend, handeln. Indem sie dafür die nötigen Organe bilden: wirtschaftliche Assoziationen. Ist das eine weltfremde Illusion? Nein, es ist eine Zeitnotwendigkeit,     um ein gesundes soziales Leben zu ermöglichen.

Ansatzpunkte wären vorhanden, (z.B. die Gesamtarbeitsverträge zwischen Unternehmer und Gewerkschaften) da spricht man von Sozialpartner und Sozialpartnerschaft. Das ist der Weg, statt Gegeneinander, denn die "Freiheit" in der Wirtschaft führt nur zur Durchsetzung eigener kurzsichtiger Interessen, fördert nur Egoismen.

Durch Partnerschaften zu einer neuen Gemeinschaft

Vereinbarungen schaffen Binnenräume im Sozialen. Mit einem Vertrag bekennt man, einen gemeinsamen Weg gehen zu wollen, ohne bei der ersten Schwierigkeit davon zu laufen. Verträge schaffen also eine Verbindlichkeit, und die bewusste Gestaltung der Vertragsbedingungen schafft Wachheit für soziale Zusammenhänge. Dadurch entstehen neue Gemeinschaften, wo sich die Menschen entfalten und menschenwürdig leben können.

Empfohlene Literatur:

– Udo Herrmannstorfer: Scheinmarktwirtschaft (Stuttgart 1997)
– Friedrich Glasl: Das Unternehmen Zukunft (Stuttgart 1994)

von Claudio Chiandusso, Rechtsanwalt in Thun (Schweiz)