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Aufsätze über die bewusste Gestaltung der Zusammenarbeit
– vom gegenüber zum miteinander.

Die Solidarität als Kernfrage unserer Zeit

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Arbeitsteilung und Altruismus

Wenn wir um uns herumschauen, dann stellen wir fest, dass das soziale Fundament in den letzten Jahren immer mehr ins Rutschen kommt. Das, was in den letzten Jahren innerhalb des Sozialstaates errungen worden ist, wird in Frage gestellt. Man sucht zwar nach neuen Formen im Sozialen, alles wird aber nach dem Gesichtspunkt der Finanzierbarkeit hinterfragt. Gewisse Wirtschaftskreise plädieren dafür, dass Dank Deregulierung sich die Wettbewerbsfähigen, also die Leistungsfähigen durchsetzen können, zum Wohle der Allgemeinheit. So wurde 1995 im Büchlein "Mut zum Aufbruch" festgehalten: "Die freiheitliche Gesellschaftsordnung anerkennt grundsätzlich alle ihre erwachsenen Mitglieder als mündige Menschen. Darin eingeschlossen ist die Verantwortung eines jeden für sich selbst. Damit wird nicht einem zügellosen Egoismus das Wort geredet. Zugrunde liegt vielmehr die Überzeugung, dass eine Gemeinschaft darauf angewiesen ist, dass möglichst viele für sich und ihre Angehörigen sorgen und somit nicht der Allgemeinheit zur Last fallen. Umgekehrt können nur diejenigen wirklich für andere eintreten, die sich selbst zu helfen wissen." (Seite 62 des Weissbuches).

Welche Haltung kommt nun hier zum Ausdruck? Es wird das Bewusstsein auf das gerichtet, was man für sich nehmen und beanspruchen kann. Das was zuviel von den Anderen weggenommen wurde, dient dann als Almosen für die Menschen, die bei diesem Markt-Wettbewerb ausgeschlossen sind. Der Kreis der Menschen, welche sich  an der wirtschaftlichen Tätigkeit beteiligen können, schrumpft jedoch zunehmend, weil man durch diese Haltung nicht das Bewusstsein öffnet für die anderen Menschen, für ihre Bedürfnisse und Wünsche. Dabei geht es im modernen arbeitsteiligen Wirt-schaftsleben darum, dass man nach den Bedürfnissen der anderen Menschen fragt.

Das soziale Hauptgesetz Rudolf Steiners

Die Arbeitsteilung setzt Altruismus voraus. Selbst der grösste Egoist ist gezwungen, seinen Vorteil über den Umweg der Erzeugung von Leistungen zu suchen, die möglichst genau den Bedürfnissen anderer Menschen entsprechen. Rudolf Steiner hat aus Erkenntnis, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, das soziale Hauptgesetzt formuliert:

«Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso grösser, je weniger der Einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, d.h. je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.» (aus: Geisteswissenschaft und soziale Frage, 1905)

In Askese leben oder Almosen verteilen?

Es geht also nicht darum, etwas zu beanspruchen, sondern es geht um die Frage, was kann ich für die anderen tun? Was ich für mich zurückbehalte, fehlt der Gemeinschaft. Es geht auch nicht darum, weniger Bedürfnisse zu haben, in Askese zu leben. Auch geht es nicht darum, Almosen zu verteilen, denn damit kümmert man sich nicht um die soziale Gestaltung. Das «Heil» entsteht aus der Differenz zwischen den notwendigen Leistungen und dem Leistungsüberschuss, also aus der Differenz zwischen dem, was man so-zusagen zur Selbstversorgung erarbeitet und das was man zusätzlich tut. In einer arbeitsteiligen Welt wirkt Altruismus ganz automatisch und unbewusst. Der Schritt    zum bewussten Altruismus ist die Solidarität bzw. die Brüderlichkeit. Brüderlich sein   hat eigentlich eine grössere Tragweite als solidarisch sein, Brüderlichkeit ist die direkte Zuwendung am Andern. Es geht aber gar nicht darum zu sagen, dass der Mensch kein Egoist sei. Wir haben die Möglichkeit, den Egoismus zu überwinden! Dass wir den Egoismus beschreiben können zeigt, dass wir darüber stehen können. Es geht eben nicht darum, wie etwas ist, sondern wie etwas werden kann. Und der Mensch ist ein Entwicklungswesen. Das kann deutlich erkannt werden, wenn man die Sozialgeschichte der Menschheit anschaut. Erst im Verlaufe der Jahrhunderte, ja Jahrtausende, sind die Menschen derart mündig geworden, dass sie aus eigener Initiative und Einsicht soziale Verbindungen eingehen können, welche Verbindlichkeiten nach sich ziehen. Der moderne Mensch hat die Möglichkeit, Gemeinschaften zu bilden, nicht mehr auf Grund seiner Blutbande, auch nicht aus Interesse, sondern aus Einsicht. Das marktwirt-schaftliche Modell spricht aber dem Menschen diese Entwicklungsmöglichkeit ab, denn der Marktmechanismus «funktioniert» nur, wenn sich die Menschen seinen Grundregeln unterwerfen, d.h. insbesondere dass jeder aus egoistischen Motiven (für sich oder seine Angehörigen) handelt und dass sich kein Marktteilnehmer mit den anderen abspricht. Die Marktwirtschaft funktioniert also nur, wenn sich der Einzelne nicht für den Anderen verantwortlich fühlt. Die immer grösser werdenden Maschen im sozialen Netz zeigen, wohin das führt.

Altruismus staatlich verordnen?

Es geht aber auch nicht darum, Altruismus staatlich zu verordnen. Eine Änderung des sozialen Systems ändert den Menschen nicht. Viele Versuche sind in der Geschichte gescheitert. Altruismus kann nur aus Einsicht erreicht werden. Wie kann man nun das Bewusstsein für andere offen halten, wo doch alle Menschen in einer arbeitsteiligen Welt undurchschaubar verwoben sind? Das Urteil des einzelnen Menschen für solche Zusammenhänge kann nur durch Zusammenarbeit gewonnen werden. Indem Konsumenten, Händler und Produzenten, Unternehmer und Arbeiter, Vermieter und Mieter, also die Wirtschaftspartner sich begegnen und nach den Bedürfnissen des Anderen fragend handeln. Solche Ansatzpunkte sind heute vorhanden, so spricht man von Sozialpartner und Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmer und Gewerkschaften. Allerdings werden heute auch solche Zukunftskeime in Frage gestellt. Mit einem Vertrag verpflichtet sich jeder, seinen Beitrag zu leisten. Es ist eine Selbstverpflichtung zweier oder mehrerer Seiten, wobei jeder seine Aufgabe und den Anderen wahrzunehmen hat. Die Verträge schaffen so Binnenräume im Sozialen. Mit einem Vertrag bekennt man, einen gemeinsamen Weg gehen zu wollen, ohne bei der ersten Schwierigkeit davon zu laufen. Verträge schaffen also eine Verbindlichkeit und die bewusste Gestaltung der Vertragsbedingungen schafft Wachheit für soziale Zusammenhänge. Weitere Ausführungen über die schöpferischen Kraft der Verträge lesen Sie im Artikel: "Die Gestaltungskraft des Rechts".

von Claudio Chiandusso, Rechtsanwalt in Thun (Schweiz)